Mittwoch, 24. Mai 2017

Einsame Größe, Netzwerk fürs Leben: Die Pilze

Buchcover

Wer das Staunen nicht verlernt hat, für den ist dieses Buch ein Fest. Robert Hofrichter hat das Verwundern seiner Kinderzeit über Artenreichtum, Formenvielfalt und delikaten Geschmack der Pilze zum Beruf gemacht: Er ist ein leidenschaftlicher Pilzforscher geworden. Er hat dabei, obwohl er über wahrhaft erschöpfende Kenntnisse verfügt, die Neugier ebenso bewahrt wie seine Entdeckerfreude - über die eigenen Arbeiten hinaus. Damit hat er mich derart angesteckt, dass ich unmöglich sagen könnte, welches der 16 Kapitel mich am meisten gefesselt hat.

Hofrichter führt seine Leser durchs unterirdische Reich der Mykorrhiza, wo die Wurzeln der Pflanzen von Pilzen umwoben werden, manche sogar Pilzfäden in ihr Inneres aufnehmen: Beider Stoffwechsel ergänzen einander - "bis dass der Tod sie scheidet". Tatsächlich ist dieses Sachbuch voller Poesie, und zwar völlig kitschfrei und ohne anthropomorphe Sperenzchen. Sein sympathischer Grundton ist die Liebe des Autors zu seinem Gegenstand: Pilze sind ihm exemplarisch für das große, kostbare Geschenk des Lebens. Er erzählt, wie er seine Frau auf einer Pilzwanderung kennenlernte, wie beide alljährlich das Wachsen und den Wandel dieser eigenartigen Wesen verfolgen, er reist mit uns über Kontinente, durch Wüsten und Meere, er reist Jahrmillionen zurück in die Entwicklungsgeschichte oder in die Steinzeit, als "Ötzi" den Zunderschwamm, einen Baumpilz, zum Feuer machen und als Heilmittel nutzte. Die alltägliche Begegnung mit dem Speisepilz verbindet er mit kulturhistorischen Anekdoten über Giftmörder, er kennt sich mit Pilzen im Schamanismus, in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) so gut aus wie in der Mikrobiologie, er zeigt, wie Blattschneiderameisen und Termiten lange vorm Menschen Pilze züchteten. Wir erfahren beim Lesen etwas über die Systematik der Biologie, und wie sie durch immer neue Erkenntnisse von Pilzen - etwa über Flechten - umgewälzt wird. Hofrichter erzählt das alles unangestrengt und unterhaltsam. Das kann nur einer, der gleichermaßen für seine Wissenschaft, fürs Schreiben und die Pädagogik begabt ist. Er verbindet Detailschärfe mit souveränem Überblick.

Zu dieser Befähigung gehört auch, wie er seine Quellen nutzt: Hofrichter bindet Zitate geschickt ein, merkt sorgsam an, bekundet historischen und zeitgenössischen Forschern seinen Respekt. Register und Fotos werden viele Pilzsucher anregen. Zum Schluss, nachdem er Arten- und Formenreichtum der Pilze,  ihr Miteinander mit anderen Lebensformen und den unschätzbaren Wert für die Natur und uns Menschen noch einmal gewürdigt hat, schaut Hofrichter in die Zukunft: Da bleibt unendlich viel zu erforschen, nicht nur was die Eigenarten der Pilze, sondern auch was ihre Rolle in der Biotechnologie und Ökologie anlangt.

Ich gestehe, kein unvoreingenommener Leser zu sein, denn ich bin von Kindesbeinen an "Pilzfan". Das heißt: Publikationen zum Thema lese ich womöglich besonders kritisch. Wer Kindern Natur und Naturforscher nahebringen möchte - egal ob als Eltern, Lehrer oder in einer Organisation - darf sich getrost diesem Buch anvertrauen, denn es beweist, dass Unverstandenes, Unbeachtetes, Seltsames, auch Irrtümer die Arbeit des Forschers leiten - nicht das quotenverstärkt Banale und das vermeintlich am besten Verkäufliche. In diesem Sinn wäre ihm ein weniger werbeschwülstiger und einfallsloser Titel zu wünschen gewesen.

Robert Hofrichter "Das geheimnisvolle Leben der Pilze - Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt", Gütersloher Verlagshaus, 240 Seiten, 19,99 €

Donnerstag, 13. April 2017

Zwangsgebühren und Quotendeppen

Tünche
Bertolt Brecht:"Da ist Tünche nötig" (Lied von der Tünche)
Die Tonlage erinnert an Politbürokraten der DäDäÄrr: Dem so pünktlich wie wehrlos zahlenden Rentner kommt überraschend ein Automatenbrief vom “Beitragsservice”  ins Haus. Er solle gefälligst eine bisher nicht bekannte Betriebsstätte anmelden. Definiert diese Institution inzwischen nach eigenem Recht, dass ein privates Weblog eine Betriebsstätte ist? Von Politik und Rechtsinstanzen ermächtigt, wirft sich in dem Schreiben eine Korporation in die Brust, deren Selbstgerechtigkeit kaum mehr zu überbieten ist:
"Ob Information, Unterhaltung, Sport oder Kultur, die große Senderfamilie von ARD, ZDF und Deutschlandradio bietet hochwertiges Programm für jeden Geschmack.”
“Für meinen nicht”, würde ich gern erwidern, aber ich werde nicht gefragt.
“Ihr Rundfunkbeitrag ermöglicht eine unabhängige Berichterstattung - frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen.”
Auch dieser Behauptung widerspräche ich gern, aber das System sieht keinen Einspruch vor, es ist ja ein für alle Male ermächtigt, mich als Zahler auf seine Dienste zu verpflichten.
“So können wir für jeden die passenden Inhalte bieten und unser Angebot so vielfältig gestalten wie die Interessen der Menschen, die es nutzen. [...]"
Das krönt die Anmaßung. Weder passen mir die Inhalte – bis auf wenige Ausnahmen – noch wurde ich als Nutzer je auf meine Interessen hin befragt. Das Angebot richtet sich im wesentlichen nach Quoten, die mich als Nutzer von vornherein ausschließen.
Fühle nur ich mich von diesem Anschreiben des "Beitragsservice" verhöhnt? Weil ich quotenstatistisch selektierte Verblödung fürs Massenpublikum nicht mag? Weil ich als Wissenschaftsjournalist erlebte, wie Budgets für qualifizierte Sendungen in den Anstalten immer knapper wurden? Weil der Druck zu konformem Verhalten auf "Freie Mitarbeiter" immer größer wurde (Dazu gab es vor einigen Monaten eine Resolution, deren Verfasser wahrlich keine Dissidenten sind)?
Der "Beitragsservice" (beschönigender Name für die auf alle Ewigkeiten der Pensionsberechtigung jeglicher Anstalts-Bediensteter verpflichtete ehemalige “Gebühreneinzugszentrale” GEZ) versucht, jede irgend denk- oder vom Automaten ausrechenbare Quelle für ihren unstillbaren Bedarf anzuzapfen. Dass sich diese getarnte Steuer auf staatsfromme Medienproduktion (“Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”) rechtlich unangreifbar gemacht hat, ist schlimm genug. Dass sie sich selbst auch als das Nonplusultra der Inhalte und Meinungen versteht und darstellt, bringt sie in den Verdacht totalitärer Ausrichtung.
Es sind dieselben Anstalten, die einmal von totalitären Regimes des Ostens als “Instrumente des Klassenfeindes” bekämpft wurden. Wer heutzutage ihr Programm der quotentauglichen Verblödung nicht goutiert, es gar öffentlich kritisiert, darf damit rechnen, ein Stigma aus dem politischen Stempelkasten zu ernten. “Rechts” heißt das dann, “neoliberal” oder “populistisch”, und selbst “konservativ” erscheint im Verständnis der alternativlosen Umfrage-Meinungs-Modellierer schon verdächtig.
Das Geld der Verdächtigen wollen sie trotzdem. Um jeden Preis.